Umzug einer Hündin
Gestatten, mein Name ist Gitte von Holzau. Vor einem halben Jahr wurde ich im Zwinger Holzau als Tochter der Colliehündin Gina von Sterneck geboren. Meinen Erzeuger kenne ich nicht. Ich weiß nur, dass es Hasso vom Berghof heißt.
Im Moment lebe ich mit einem Dutzend anderer Collies bei Herrn Köhler. Or ein paar Tagen hat er den zweijährigen Rüden Andy vom Kochberg geholt und meine Mutter hat mir verbellt, dass er für mich bestimmt ist. Seine schmale Schnauze und die Puschel hellbraunen Felles über den kleinen Knickohren könnten mir schon gefallen. Wenn er mich mit seinen braunen Kulleraugen ansieht, wird mir warm ums Hundeherzchen. Ihm würde ich sogar den großen Fleischknochen schenken, den ich vorige Woche verbuddelt habe. Der müsste jetzt gerade gut schmecken.
Nanu, warum ist denn Herrchen so unruhig und läuft suchend durch den Gang zwischen den Boxen? Will er mit uns wieder auf den großen Platz mit Reifen, Schwebebalken und anderen schönen Spielgeräten?
Hoppla, er bleibt ja vor meiner Behausung stehen!
„Na, Gittelein, jetzt bekommst du bald Herrchen und Frauchen. Morgen Kommt eine Frau Bernhard und möchte dich anschauen.“
Jetzt habe ich mich doch vor Schreck auf meinen Hundepopo gesetzt und glatt vergessen, vor Freude über Herrchens Streicheln mit dem Schwanz zu wedeln.
„Wuff! Wuff“ belle ich ihm zu, in der Hoffnung, dass er versteht, dass ich hier bleiben will. „Wuff! Wuff!“ – warum ausgerechnet ich?
Es sind doch noch so viele andere hier. Kannst du nicht einen von denen wegschicken?
„Ja, Gitte, wenn du nicht für deine Rasse etwas zu üppig geraten wärst, hättest du mit Andy schöne Welpen haben können. Aber wenn sie zu groß sind, kriege ich sie ja doch nicht los. Frau Bernhard und ihr Mann werden dich schon lieb haben. Komm her, wir gehen eine Runde.“
Er zieht eine Hundeleine aus der Hosentasche und hakt sie an mein Halsband. „Ich soll weg. Ich soll weg“, klopft mein Herz. Lustlos trabe ich neben Herrchen her. Nicht mal die interessant duftenden Liebesbriefchen der ortsansässigen Hunde können mich heute aufheitern.
Auf dem Rückweg kommen wir an Andys Box vorbei. Er schaut mich traurig an. Weiß er schon, dass ich weg soll?
„Waff! Waff!“ – Andy hilf mir!, belle ich ihm zu und er senkt langsam den schmalen Kopf. Ich stelle mich auf die Hinterpfoten und stemme die Vorderläufe gegen die Zwingertür. Herrchen, ich gehe hier nicht weg. Wütend schüttele ich mich. Kann oder will mich denn niemand verstehen?
Herr Köhler zieht mich am Halsband in meine Box, füllt Futternapf und Wasserschüssel. Dann schließt er die Tür hinter sich ab.
In der Nacht mache ich kein Auge zu. Ich winsele den anderen leise zu „Andy, ich will bei dir bleiben. Helft mir doch!“
Irgendwann wird es hell und ich habe mir überlegt, dass ich weglaufen könnte, um hierher zurück zu kommen. Meine gute Nase wird mir den Weg schon zeigen.
Richard, der Sohn vom Herrchen, gibt uns frisches Wasser, Trockenfutter und bürstet einem nach dem anderen das Fell, bis es in der warmen Morgensonne glänzt.
„Aber Gitte, sitz doch endlich mal still“, schimpft er, weil mich die Unruhe immer wieder hoch treibt.
Halt, jetzt habe ich einen fremden Geruch in der Nase. Ist das etwa schon die Frau, die mich abholen will?
„Waff! Waff! Wuff!“ – so helft mir doch!
Herrchen kommt aus dem Haus, weil es geklingelt hat.
„Guten Morgen. Sie sind sicher Frau Bernhard“, höre ich ihn sagen und schaue mich in meiner Box um, ob nicht vielleicht doch irgendwo ein Loch ist, in dem ich mich verstecken könnte.
Mittlerweile sind die beiden bei mir angelangt und Herr Köhler zeigt auf mich. „Das ist sie. Wenn Sie möchten, können Sie sie gleich mitnehmen. Falls Sie mit dem Bus gekommen sind, ich würde Sie auch nach Hause fahren.“
Die junge Frau schaut mich genau an, öffnet die Tür und kommt zu mir. Sie schnuppert ganz gut, aber das ändert nichts daran, dass ich mit ihr nicht mitgehen will.
Sie legt ihre Hand auf meinen Kopf und krault mich hinter den Ohren. Oh, sie scheint zu wissen, was mir gefällt.
„Okay. Ich nehme Sie mit. Ihr Angebot, uns zu fahren, nehme ich gerne an.“
Herr Köhler greift in mein Nackenfell und hakt mit der anderen Hand die Leine am Halsband fest. „Na los, Gittelein. Sei lieb und komm mit. Bist doch sonst so ein braves Kerlchen.“
Er zieht mich mit sich bis auf den Parkplatz vorm Haus.
„Die Papiere schicke ich Ihnen dann noch zu, Frau Bernhard. Das ist mein Wagen, bitte steigen Sie doch schon ein.“
Ich werde in dem Gepäckraum des Kombis auf eine Decke verfrachtet und an einem speziell dafür vorgesehenen Haken angebunden.
„Dann wollen wir mal. Sie sagen mir bitte, wo ich hinfahren muss.“
Er fährt ziemlich schnell. So kann ich mir die Strecke nicht merken, aber meine Nase wird mich schon nicht im Stich lassen.
Immer größere Häuser stehen am Straßenrand, also geht es in die Stadt. Vor einem weißen zweistöckigen Gebäude hält Herr Köhler an. Er steigt aus, hilft Frau Bernhard aus dem Auto und öffnet die Gepäckraumtür.
„So, Gitte, hier ist dein neues Zuhause. Mach mir keine Schande und sei ein liebes Hundchen.“
Er streicht mir über den Kopf und reicht Frau Bernhard die Leine.
„Viel Spaß mit Ihrem neuen Hausgenossen. Ich muss jetzt schnell wieder zurück. Die Arbeit wartet. Wenn Sie irgendwelche Probleme mit Gitte haben, können Sie mich jederzeit anrufen. Bis bald, Frau Bernhard.“
Er steigt ein, startet den Wagen, winkt kurz zurück und ist auch schon um die nächste Straßenecke verschwunden.
Mein neues Frauchen öffnet das Tor und zieht mich sanft bis in den ersten Stock. Eine weitere Tür wird aufgeschlossen und hinter uns zugeklinkt.
„Gitte, schau mal, dort ist dein Körbchen.“
Sie zieht das Kettenhalsband vorsichtig über meinen Kopf.
„Komm, ich geb dir frisches Wasser und einen schönen Fleischknochen, damit du nicht denkst, du musst bei uns hungern.“
Schwups, schon steht ein gefüllter Trinknapf und ein Teller mit einem Riesenrippchenstück vor meiner Nase. Hmmm, duftet das verführerisch. Soll ich, oder soll ich nicht? Warum eigentlich nicht?
Abhauen und zurück zu Andy wollen, heißt ja noch lange nicht, dass ich gleichzeitig in Hungerstreik gehen muss.
Während ich mit Appetit die Knochen verspeise, wuselt Frau Bernhard in der Küche herum.
Was ist das denn für ein ulkiges Ding? Wenn sie die Tür aufmacht, geht darin Licht an und das schnuppert sooo gut.
„Komm, Gitte, wir schauen mal nach, ob wir für dich etwas zum Spielen finden!“ Sie geht in ein anderes Zimmer. Nanu, was zwitschert denn da? Wie kommt der Vogel in die Wohnung? Ist doch gar kein Loch da, wo er durchgeflogen sein kann.
Aha, da ist ein Gitter davor. Er ist genauso eingesperrt, wie ich bei Herrn Köhler in der Box. Hier kann ich durch alle Räume laufen, ohne dass Frauchen schimpft. Ist das schön!
Plötzlich kullert etwas Rundes vor meine Vorderpfoten. Dann legt mein neues Frauchen mir etwas vor die Schnauze, was wie eine maus aussieht. Warum haut die nicht ab? Ich hab doch schon oft versucht, eine Maus zu greifen, aber sie waren immer schneller als ich. Die hier bleibt einfach ruhig sitzen und riecht auch sonderbar. Na, dass soll nun ein Hund verstehen!
„weißt du was, Gitte? Jetzt machen wir erst mal einen ausgiebigen Spaziergang. Komm mit!“
Im Flur nimmt sie die Leine vom Schlüsselbrett und schiebt mir das Halsband über den Kopf. Dabei krault sie mich wieder hinter den Ohren und am Hals. Kann die das aber gut, denke ich, während ich mich genießerisch strecke.
Schön ist das, richtig auf einer Wiese rumtollen zu können. Wo hat die bloß die lange Leine her?
Das runde Spielding hat sie auch mitgenommen und wir vergnügen uns damit. Ich ärgere mich mal wieder, dass ich den Ball nicht so gut werfen kann, wie meine zweibeinige Freundin.
Auf dem Heimweg lese ich die vielen Nachrichten, die Hündinnen und Hunde an Laternenmasten, Büsche, Zäune und Häuserecken geschrieben haben.
Puh, bin ich geschafft. Jetzt lege ich mich erst mal in den Korb und schlafe eine Runde.
In der Küche schlabbere ich zuerst an der Wasserschüssel meinen Riesendurst weg. Frauchen stellt mir einen großen Napf mit lecker duftenden Fleischstückchen daneben. Weil ich immer Hunger habe, sind die ratzeputz in meinem Bauch verschwunden.
Auf der weichen Decke meiner neuen Behausung rolle ich mich zusammen und denke im Einschlafen, dass ich eigentlich schön dumm wäre,von hier wegzulaufen. Und der Duftbrief an der Hausecke lässt mich von einem starken Collierüden träumen …